König Ludwig II., König von Bayern

Die letzten 3 Wochen auf Neuschwanstein


Leseprobe


Erster Akt



1. Szene: Was soll diese Krone?


Es treten auf: König Ludwig II, Singerl (sein Diener), Graf Dürckheim


Schloß Neuschwanstein. Wohnzimmer des Königs, originalgetreu, mit Balkon, an den links vorne der Raum schräg übergeht. Der Balkon mit breiter Balustrade (siehe Bild in Desings Büchlein “Wahnsinn oder Verrat” mit ebender Aussicht).

König Ludwig II. steht in vollem Ornat mit der Krone auf dem Haupt auf dem Balkon und schaut einige Zeit still und in Gedanken versunken in die Landschaft. Dann geht er im Zimmer gemessenen Schritts umher, bleibt in der Mitte des Zimmers stehen, nimmt die Krone vom Haupt und betrachtet sie mit ausgestreckten Armen.



KÖNIG LUDWIG: Was soll diese Krone? Welch tiefes Geheimnis birgt sie? Und welch hohen Nutzen erahne ich in ihr für die Menschheit. Zur Krone. Und wie mißversteht dich die Zeit! Er legt die Krone auf einen Sims und geht zu einem Fenster, das auf der rechten Seite der Bühne nach außen weist. Mit unsäglichen Schmerzen erkenne ich den Kummer dieses Landes. Der Verlust ist gewaltig. Doch wird die Zeit des Königs kommen. Oh, wenn ihr wüßtet!

Er wendet sich vom Fenster nach links (also nach hinten) und dann zur Mitte des Zimmers. Er schaut schräg über die Zuschauer hinweg. Sein Blick  ist in die Ferne gerichtet. Zu Tatenlosigkeit bin ich verdammt. Mit starker Geste. Nur für die Zukunft kann ich bauen ... mit eurer Hilfe, er sieht nach oben, wie wenn er viele sehen würde die ich stets um mich weiß. Leiser, wie in sich gekehrt. Mit Erde hat das nichts zu tun.

Und Ihr, die Ihr im Himmel sitzt, wißt Ihr, wie es ist, auf der Welt zu stehen und zu harren, Euer Wort zu erfassen, kaum daß es göttlichen Mund verlassen, ... und dann zu erleben, daß die Macht eines Königs nicht ausreicht ... für den Frieden. Eindringlich. Was, mein Gott, mache ich falsch?

Ich sehe es mit klaren Augen, wie werte Männer um des Geldes und kleinlich Vorteil, Eigennutz und Einfluß willen die Ehre verraten. Lug und Trug wird zum breiten Flusse, dem nichts mehr widerstrebt. Zu nichts führt Stumpfsinn und Entscheidungswut, zu nichts anderem als Krieg.

Wo ist Deine Gnade, Vater im Himmel, von der ich lebe und aus der ich wirke, wenn nichts mir bleibt, um die Welt zu führen. Bitter erkenne ich, daß ich der letzte bin unter den Gekrönten, der von Dir weiß. ... Aber erfasse ich Dich wirklich? König bin ich, doch auch Mensch. Der Menschen Wollen hat tiefen Grund in mir. So sträubt sich manches gegen Deinen Plan, und wo ich es anders und besser machen will, ist Scheitern mein Los. ... Leise. Lange weiß ich das. Er geht zu einem Klingelzug und klingelt. Der Diener Singerl erscheint mit einer tiefen Verbeugung. Singerl, bring ma wos zum Essen. Aber wos g’scheids!


SINGERL: Jawoll, Majestät. Wos woll’n Majestät heid dringa? Wieda a Bier?


KÖNIG LUDWIG: Naa, bring ma an rot’n Franzos’n.


SINGERL: Jawoll, Majestät, den Selbigen. Verneigt sich tief. Ab.


KÖNIG LUDWIG: schließt die Tür zum Balkon und wirft den schweren Ornatmantel von sich. Was nützt die Pracht des äußeren Scheins, wenn alles dahin ist. Er setzt sich an den Tisch, wirkt plötzlich deprimiert, wie krank. Er stützte den Kopf in die Hand wie Amfortas in der Gralsburg Montsalvat (Gemälde im Sängersaal). Der Stamm ist marode, der Saft vertrocknet an bleicher, zersprungener Rinde. Die alten Türen sind eingefallen und nur spärlich dringt der Geruch von staubigem Moder von einer verwunschenen Welt, die nicht mehr dieselbe ist, wie zu den Urväters Zeiten. Die blut’gen Kämpfe will ich nicht fechten, dazu ist mir die Kraft versiegt und der Sinn nicht gegeben. Doch die inner’n Kämpfe zermürben mir das große Herz, das in mir schlägt und mit jedem Schlage mich frägt: Wofür, wofür, wofür?

Diese Frage greift mich an, weil sie vom Innersten und Wertesten mir gestellt, und ich ihr nichts mit Sicherheit zur Antwort geben kann. Was bleibt und guten Trost mir spendet, ist, daß Stein auf Stein sich fügt und Gestalt an Gestalt aufblüht an der Stätte, die ich meiner Seele baue, auf daß sie durchhalte, bis der Tag kommt, an dem ich weiß, was wirklich zu tun ist. Doch, wird dieser Tag kommen? So schwach fühle ich mich manchmal, doch ist nur eine Schranke niedergegangen im Inner’n, dort wo die Glut sitzt, die keine Ende nimmt, und den Kelch mir formt, der ich werden soll. Doch fließen muß die wabernde Glut, soll ich nicht verbrennen. Lauter werdend. So reiße ich die Schranke nieder und töne springt von plötzlicher Energie gepackt auf – ich muß hören, was in mir vorgeht – und rufe, hier, wo niemand mich hört und keiner mich verrät. Noch lauter. Wallend Hitze steigt mir in das Herz. Wie kann es sein, daß ein Land wie Bayern im Einfluß einer fremden Macht sich quält. Keiner sieht so klar wie ich. Die Zeit kann meinen Blick nicht trüben. Die Zukunft sehe ich voll Garstigkeiten. Wo die Könige fehlen, ist der Gral verloren, und das Volk verkommt in seichten Dingen. Wer soll die Ehre noch behalten, die Wahrheit und die Schönheit bewahren, wenn nicht ein König, der von Gott weiß. Doch warum will es nicht gelingen? Er streckt die Hände nach oben aus. Was fehlt mir noch, um Deinen Rat zu hören? Leiser, in sich gekehrt. Ich weiß es nicht. Mit langen Schritten geht er zu den Fenstern rechts und schaut hinaus.

Eine Schande, wie sie die Hügel mit Mast und Draht traktieren. Das Land wird zerschnitten mit eisernen Schienen und hohen Dämmen, die Berge durchbohrt mit langen Gängen, um die Zeit zu besiegen, die darüber lacht. Gestank und Rauch der Hauptstadt glaub’ ich von hier aus schon zu riechen. Wofür ist ein König gut, der sein Land fortschreiten sieht in eine Richtung, die nicht die seine ist – und nichts tut. Leiser. Irgend etwas fehlt mir. Der Diener klopft an die Tür. Herein!


DIENER SINGERL: macht einen tiefen Knicks. Kon i auftrog’n, Majestät?


KÖNIG LUDWIG: Freile, und g’schwind. I hob a’n Hunga wie’ra Bär. Er geht auf die Balustrade und schaut hinaus auf die Berge. Mehrere Diener, die von Singerl, der die Oberaufsicht führt, angewiesen werden, tragen ein opulentes Mahl auf. Dabei ist ein Brathähnchen, dazu roter Wein in einer Karaffe.


SINGERL: Als der König wieder ins Innere tritt. Es is o’g’richt. Er schenkt Wein ins Glas, verbeugt sich wieder und will sich dann entfernen.


KÖNIG LUDWIG: Singerl!


SINGERL: Ja, Majestät.


KÖNIG LUDWIG: Gibt’s wos zum Va’meld’n?


SINGERL: Es steht oiß, wia’s Majestät befohl’n hab’m. D’Roß san herg’richt, d’Muli aa, und Berghütt’n hamma auf Vordemann brocht. Aber es san no Schneefelda ob’m.


KÖNIG LUDWIG: Dees macht nix. I bin im Mai scho öfta ob’m g’wen. Do gibt’s owei an Weg. Loß oiß aufebringa. Bloß du gehst deesmoi mit mir aufe. Sunst will i koan seh’n.


SINGERL: Da Koch aa ned.


KÖNIG LUDWIG: Naa, bloß du. I woaß scho, wos i sog. ... Is da Graf Dürckheim no ned do?


SINGERL: Naa, Majestät.


KÖNIG LUDWIG: setzt sich zu Tisch. Es wird’ eahm doch nix passiert sei auf dera langa Fahrt.


SINGERL: Naa, Majestät, bestimmt ned.


KÖNIG LUDWIG: lächelt. Wia mechst iatz du dees wiss’n, Singerl. Beginnt zu essen.


SINGERL: An Grafen passiert nix, dafür hod der a zu guad’s Herz. Auf den paßt da Herrgott auf, so wia auf d’Majestät.


KÖNIG LUDWIG: Mei, Singerl, schee war’s. Es klopft ungestüm. Wer stört me beim Ess’n?! Wehe, wenn dees nix Wichtig’s is. Zu Singerl. Mach auf. Singerl geht zur Tür und öffnet.


DÜRCKHEIM: noch im Überrock schreitet stürmisch herein. Verzeiht, mein König, er verbeugt sich daß ich so schnell zu Ihnen vordring’. Doch wichtige Kund’ hab’ ich, wenn auch noch Unbestimmtes.


KÖNIG LUDWIG: Gott sei Dank, Dürckheim! Sie sind der einzige, der ohne Anmeldung vor meine Augen treten darf. Nur herein.


DÜRCKHEIM: Verzeiht, mein König. Hätte ich gewußt, daß beim Mahle ich Sie finde, hätte ich mein Ungestüm gezügelt und mich im Hofe von der einen zur anderen Seite ergehend gemäßigt.


KÖNIG LUDWIG: Das kommt doch g’rade recht. Sie müssen hungrig sein nach der langen Reise. Singerl, bring noch ein Gedeck und mehr an Speisen.


DÜRCKHEIM: abwehrend. Nein, Majestät, dazu habe ich keine Ruh’. Ich warte draußen, solange duldet es die Sache schon.


KÖNIG LUDWIG: Vor Wissensdurst und weil ich eine Ahnung hab’, ist auch mir der Hunger entrückt. Nein, Graf, bleiben Sie. Singerl, laß abtragen und uns allein. Ich speise später mit dem Grafen. Doch laß den Wein. Ludwig steht auf. Singerl ruft die Diener, die eilig abtragen. Diener und Singerl mit Verbeugung ab. Währenddessen: Dürckheim legen Sie doch ab. Ich bin so froh, daß Sie da sind. Als sie allein sind. Ich atme freier, ich spüre es genau. Ihre Gegenwart ist gut für mich und gut für Bayern. Nun erzählen Sie.


DÜRCKHEIM: legt den Mantel über einen Stuhl. Mein König, es ist etwas im Land, was mir nicht gefallen mag. Eine Stimmung, die seit langem ich bemerke, hat nun Niederschlag gefunden in Zeitung und Artikel, die in schmutzigen Lügen Eure Majestät verachten. Sie schreiben es im ganzem Land, ich weiß nicht, wer sie alle einigt. Doch keine Stimmen hör’ ich, ja kein Wort, das diesen Schreiberlingen widerspricht oder, was nur Rechtens wäre, sie zur Strafe zieht wegen Hochverrats.


KÖNIG LUDWIG: Was schreiben sie im Kern, heraus damit.


DÜRCKHEIM: Sie mutmaßen, in fein verhalt’nen und doch klaren Formen, daß Majestät der geistigen Gesundheit verlustig zu gehen in Gefahr stünde. Es rumort in den Köpfen. Es gibt Wirtshäuser in den großen Städten, da werden die Königstreuen schon verlacht. Der Gendarm, der es hört, macht sich nichts daraus, als ob’s nichts weiter wär’. Die Menschen glauben alles, was in gedruckter Schwärze auf billigem Papier ihnen vor den Augen steht. Dahinter können sie nicht schauen.


KÖNIG LUDWIG: Das weiß ich lang. Doch die Stimmung in meinem Volke wird das nicht kehren. Die, die mich sehen, spüren, daß hier mehr wirkt als nur ein Mensch.


DÜRCKHEIM: Ich wollt’ es wär’ so. Und lange hab’ ich deshalb auch gezögert. Eine Randerscheinung wollt’ ich’s wähnen, von dummen Schreiberlingen, die alles schreiben, was dem Verkaufe nützt. Doch hab’ ich dann mit klaren Sinnen, und weil’s wie Angst mir heiß aus meiner Seele stieg, die Zeitungen gezielt studiert wie ein Professor. Verglichen hab’ ich Stadt für Stadt, das ganze Land, auch auswärt’ge Staaten bis ins Englische hinein. Nein, es kann kein Zweifel sein. Es gibt Kräfte, die seit langem walten, und die Schritt für Schritt, wie bei geheimem Plan, die Menschen glauben machen, daß Sie, Majestät, nicht ganz bei Sinnen sind, ja im Grunde gar schon lang verrückt.


KÖNIG LUDWIG: Darüber lache ich. Das hat sich ein Irrer in den Kopf gesetzt, und kommt groß raus, in dem er’s schreibt. Die ander’n schmieren’s achtlos nach. Es gibt doch keinen Zweck dafür. Wenn sie mich los sein wollen, brauchen sie mich bloß zu morden. Dazu braucht es keinen Wahn.


DÜRCKHEIM: Wozu es gut ist, weiß ich nicht. Der volle Sinn ist mir verborgen. Doch sonnenklar und ohne Zweifel weiß ich, daß sich die Lage zuspitzt. Sie schreiben’s schon in Engeland. Es muß etwas gescheh’n, was dem Ganzen Einhalt und Umkehr gebietet. Über den König darf man nicht lachen.


KÖNIG LUDWIG: Da haben Sie Recht. Über den König darf man nicht lachen, höchstens mit ihm. Doch dazu gibt es keinen Grund.



DÜRCKHEIM: Für wahr nicht, es muß etwas geschehen. Das Ganze ist gefährlich.


KÖNIG LUDWIG: Ich habe keine Angst, auch keine Lust, ins Kampfgewühl mit Niedern mich zu werfen. Kämpf’ ich mit Schwertern nicht, so werd’ ich niemals doch mit Zeitungsblättern kämpfen. Das trägt die Würde eines Königs nicht.


DÜRCKHEIM: Ich darf an dieser Stelle, wenn Ihr es erlaubt, eine and’re Meinung äußern. Denn genau dies ist es, was ich Euch raten möchte. Die Würde, mein König, ist schon verletzt, wenn nur eine Zeile dieser Lügen erscheinen darf in diesem Land.

Hier ist mein Plan, der wohl überlegt und mit genügend Weil’ erdacht: Stellen Sie jede Zeitung unter Ihre Hoheit, bringen Sie Artikel zur Öffnung, damit sie jeder lesen kann, in denen das Vorherige scharf verurteilt wird, und klar der Wille des gesunden Königs steht, daß jede schädliche Äußerung in Schrift und Stimme den Tatbestand der Majestätsbeleidigung erfüllt, und hart bestraft wird.

Noch ist das möglich, Majestät, noch ist die Hoheit fest in Ihrer Hand. Wenn auch der Wille des bayrischen Souveräns im großen Rahmen Europas geschnürt ist durch Verträge, Bayern, mein König, ist Ihr Land.


KÖNIG LUDWIG: geht unwillig zum Fenster und schaut hinaus. Sprich nur weiter. Ich hören noch.


DÜRCKHEIM: Ein zweites, mit Verlaub, möchte’ ich noch empfehlen, Majestät: Zeigen Sie sich dem Volk, gehen Sie nach München, Nürnberg, Würzburg. Kein bess’res Mittel gäb’s, die Schreiberlinge Lügen zu strafen. Das Volk wird den König lieben, will ihn lieben. Die Wahrheit muß ans Licht.

Im gleichem Zuge, Majestät, durchschau’n Sie die Reihe Ihrer Minister, die nicht mehr den königlichen Willen tun und so schweigsam all der Unart zuschau’n. Besser rollen unwürdige Köpfe, als der Kopf des ganzen Landes. Ludwig dreht sich mit einmal zu Dürckheim um. Das ist mein Plan, Majestät, ich rate sehr dazu.


KÖNIG LUDWIG: mit lodernden Augen. Dürckheim, ich kann dem Plan nicht folgen. In den Augen der Welt gibt es keinen besseren, auch wenn dafür die Zeit schon spät. Er ist gut, ich weiß, doch nur zum Teil. Denn Graf, was Sie vergessen, ist, daß ich ein König bin, dem Kampf nie etwas bedeutet hat. Davon hat die Welt doch schon genug gesehen. Wenn ich etwas bin, dann bin ich König durch des Geistes Kraft. Schauen Sie hinaus, Dürckheim, er weist mit der Hand zum linkem Fenster hinaus wie der Wind die Äste biegt und freie Bewegung in die frischen Blätter bringt. Sie werden bewegt vom selben Hauch, der ganz allgemein ist, und doch nur einen sich’ren Ursprung hat. Welche Schönheit liegt in all dem! Schauen Sie, Dürckheim. Die Seele erfaßt den Kern im Nu. Dürckheim und der König schauen eine Weile hinaus.

Genauso ist des Königs Kraft, der nur Zeuge ist und Mittler eines Größeren. Wie der Wind umweht die Kraft des Königs die Herzen aller Untertanen, bewegt sie in des Größer’n Geist. So bin ich König, so will ich’s sein. Schönheit ist mein Ziel, Dürckheim, tausendfach erblüht sie schon im Land. Der Blick auf Häßlichkeit ist mir verstellt, durch bess’res Wissen! Ihr darf keine Macht gelassen werden.

Ich dank’, mein Graf, für Ihren Rat. Ich weiß, Ihr meint es gut, doch das, wohin das führt, ist Kampf. Und weiterhin folgt Haß und Tod, der mannigfaltig sich ins Bayernland ergießt. Soll ich die Treuen um mich schaaren, die ander’n in Verließe sperr’n und martern, wie so viele es vor mir getan? Die eiserne Hand zerdrückt stets den eigenen Hals, dazu ist sie gemacht. Nein, Dürckheim, das kann ich nicht. Ich weiß schon viel zuviel. ...

Freilich könnt’ ich Jubel lösen, frei von Falschem wär’ er nicht. Vor Augen steh’n mir die Gesichter schon, die, mit schwerem Gold erkauft, sich in der Menge verzieh’n zu Masken und zu Fratzen. Die Verräter verraten sich so selbst. Und viele könnt’ ich in die Kerker schmeißen. Doch sollt’ in Bayern unter meiner Herrschaft Gestöhne aus den Kellern dringen? Die Schönheit, die Sie hier im Schloß erblicken, wär’ wahrlich nur in Bildern, und hätte mit dem König nichts zu tun. Der König beginnt durch das Zimmer zu schreiten. Dürckheim ist ihm stets zugewandt.

Und sollt’ ich, der König, voller Angst durch’s Lande reiten, es könnte einer aus dem Loch entgleiten und mir nach dem Leben trachten? Der Haß zerstört nur den, der haßt. Ich müßte um mein Leben fürchten, mich mit Leibgardisten gut verseh’n und voller Stahl durchs Lande geh’n. Auch wenn mir hundert Ritter folgen, mir Leib und Leben garantieren, und ich das schöne Land mit harter Faust regier’, was nützt das alles. Gehorcht mir Bayern, die ander’n tun es lange nicht. Im bitt’rem, toderfüllten Kriege würde das Land versinken. Es gibt genug, die dafür steh’n. Soll ich die ganze Welt erobern? Nein, dafür tu ich nicht den ersten Schritt.

Ich regiere in der Gnade Gottes. Seinem geist’gen Rate folg’ ich. Von Kampf  hört’ ich darin  noch  kein einzig Wort. Die Worte des Königs wirken eine Weile in die Stille. Dann


DÜRCKHEIM: leise. Dann weiß ich auch nicht weiter, und das Ende scheint gewiß.


KÖNIG LUDWIG : Ich weiß, die Zeit ist trächtig. Was sie gebären wird, scheint kaum mir Platz zu lassen. Doch kommt die Zeit der Würde, die alles wendet, dessen bin ich mir gewiß. Er steht nun nah bei einem der linken Fenster, geht ganz hin und schaut hinaus.


DÜRCKHEIM:  Um Gottes Willen, Majestät, man kann doch nicht nur zuschau’n. Macht gilt es doch auch auszuüben. Gerechten Zorn und Strafe nehm’ ich gern in Kauf, um das eine noch zu sagen, Majestät, auch wenn es mir nicht zusteht. Sonst ist es lang zu spät. Es geht nicht um die ganze Welt, mein König, es geht um Bayern. Es braucht vielleicht nicht viel. Ein Jahr des starken Einsatzes mag reichen, das Schiff herumzudrehen und dann in stilleren Gewässern der Schönheit Grund zu schaffen. Das Volk liebt Sie, Majestät, ... und will Sie sehen.

Beiseite. Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll.


KÖNIG LUDWIG: dreht sich Dürckheim zu. Der König und das Volk sind eins, wie der Wind und der Wald. Hier braucht es keine weitere Beteuerung, Dürckheim. Das wird sich niemals ändern, was auch die Zukunft bringen mag.

Nun, Graf, Sie sind müde von der Reise, ziehen Sie sich zurück und ruh´n Sie aus. Heute abend wollen wir gemeinsam speisen. Morgen geh’ ich für ein paar Tage auf die Hütte. Das kommt g’rad zur rechten Zeit. Was die Welt nun von mir will, weiß ich selber nicht. Da oben kann ich denken, planen, ruh’n. Dort ist die Luft rein, der Verstand wird klar und manches scheint in hellerem Licht. Bis heute abend zur gewohnten Stunde.


DÜRCKHEIM: Majestät, ich danke für Ihr Gehör, und verzeihen Sie meine gerade Art. Er nimmt seinen Mantel. Bis heute abend. Er verneigt sich. Ab.


KÖNIG LUDWIG: schaut wieder aus dem Fenster in die Ferne. Es wird ernst.



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DR. MED. KARL-HEINZ RAUSCHER

Wir gehören alle zusammen