„MENSCH“

Deutschland ist im Krieg und keiner merkt es


Leseprobe


Erster Akt


Eine Kneipe am Nachmittag. Als einziger Gast sitzt der Philosoph Josef (70) an einem Tisch. Vor ihm ein Bier. Der Ober gelangweilt hinter der Theke. Sebastian, der Student (24), kommt schwungvoll herein und wirft eine Zeitung auf den Tisch.


Sebastian: Krieg!


Josef: Krieg?


SEBASTIAN: Ja, Krieg.


JOSEF: Wer gegen wen?


Sebastian: Ist doch gleich, ist doch ganz gleich.


JOSEF: Jetzt komm schon, Sebastian. Das ist doch langweilig. Wenn ich eines hasse, dann ist es Langeweile. Ich brauche Klarheit. Klarheit und Wahrheit. Dann ist es gleich vorbei.


SEBASTIAN: Was ist dann vorbei?


JOSEF: Die Langeweile.


SEBASTIAN: Josef, weißt du, du gehst mir auf die Nerven, dauernd deine Wortklauberei. Du willst Philosoph sein und kannst nicht mal bei einem Thema bleiben.


JOSEF: Wieso?


SEBASTIAN: Na ich sprech von Krieg und du von Langeweile.


JOSEF: Na und, Krieg ist langweilig. ... Ich aber will Klarheit und Wahrheit.


SEBASTIAN: Über den Krieg?


JOSEF: Meinetwegen auch über den Krieg, über alles und jedes. Das ist des Philosophen Credo.


SEBASTIAN: Was hat das jetzt mit Glauben zu tun?


JOSEF: Jetzt verlierst du dich. Wer kann hier kein Thema halten? Willst du jetzt über den Krieg sprechen oder über den Glauben?


SEBASTIAN: Ist da ein Unterschied?


JOSEF: Ha, ha, früh übt sich. Versuch’s nur, versuch’s. Aber, glaub mir, du bist noch ein Student, ein Anfänger, du mußt noch viel lernen.


SEBASTIAN: So, und was bitteschön, Meister aller Klassen, der du schon am frühen Nachmittag alleine in der Kneipe sitzt, da du die Materie schon komplett durchdrungen hast und sich da draußen nichts Unbekanntes mehr ereignet. Du sitzt doch hier nur noch und wartest auf den Tod.


JOSEF: Mag sein, wer tut das nicht. Aber das ist ein anderes Thema.


SEBASTIAN: Wieso ist das ein anderes Thema? Krieg und Tod, das ist doch verdammt nochmal ein und dasselbe Thema. Wer über Krieg redet, der redet über den Tod.


Der Ober tritt an den Tisch.


OBER: (zu Sebastian) Bittschön?


SEBASTIAN: Ein Bier.


Der Ober holt das Bier


JOSEF: Was weißt du schon vom Tod?


SEBASTIAN: Siehst du, jetzt willst du doch über den Tod reden.


JOSEF: Nein, der kommt früh genug. (Die beiden schauen sich einen Moment wortlos an) Mit dir kann man sich nicht richtig unterhalten.


SEBASTIAN: Wieso?


JOSEF: Du beantwortest keine Fragen.


SEBASTIAN: Muß man das?


JOSEF: Siehst du, das mein ich. Auf so eine Unterhaltung hab ich keine Lust. Für mich muß eine Unterhaltung zu Klarheit führen und der Wahrheit dienen. Dazu bist du offensichtlich nicht fähig. Also trink dein Bier an einem anderen Tisch und laß mich mit deinem Wortgeschwafel in Frieden.


Sebastian nimmt sein Bier und setzt sich zwei Tische weiter. Im Hinübergehen:


SEBASTIAN: Oho, der große Philosoph will allein sein. Er duldet keinen Widerspruch. Er erträgt den Gedanken an Krieg nicht. ... Der Krieg macht ihn nervös.


Josef trinkt in Ruhe sein Bier. Banker kommt herein und setzt sich an die Bar.


BANKER:  Ein Wasser und ein Cesar-Salat bitte.


Der Ober nickt und schenkt ein.


SEBASTIAN: Also frag, Opa.


JOSEF: Ich heiß Josef.


SEBASTIAN: Also frag, Josef.


JOSEF: Wer gegen wen?


SEBASTIAN: Die einen gegen die anderen.


JOSEF: Wenn du die Wahrheit noch einmal so verschleierst, werde ich mich mit dir nie wieder unterhalten. Das ist vorgehaltene Dummheit.


SEBASTIAN: Ich weiß es wirklich nicht besser.


JOSEF: Entweder bist du so dumm oder du hältst dich für was Besseres. Dann allerdings bist du nicht mehr zu retten und jedes weitere Wort ist vergebens.


BANKER: Die Israelis gegen die Hisbollah.


JOSEF: (Zu Sebastian) Siehst du, das ist Klarheit. Eine klare Frage, Anzug und Krawatte, und eine klare Antwort.


SEBASTIAN: Was ist daran klar? Wer genau ist Hisbollah? Wer genau sind die Deutschen? Wer genau ist Amerika?


JOSEF: (zum Ober) Bring mir noch ein Bier, das hier dauert länger.


BANKER: Die Hisbollah sind die Araber.


SEBASTIAN: Wer bitteschön sind die Araber?


JOSEF: Interssant ... interessant, daß Sie nicht fragen, wer sind die Israelis.


OBER: Das ist doch klar. (Aller Augen richten sich überrascht auf den Ober) Die Israelis sind die Juden. Und wer die Juden sind, das weiß man. Die haben ihre Geschichte zur Religion gemacht und alles aufgeschrieben.


JOSEF: Noch ein Experte.


OBER: Bibelstunden, meine Herrn, Bibelstunden!


SEBASTIAN: Warum reden hier alle so gescheit und keiner regt sich über den Krieg auf. Es ist Krieg, Tote, Verwundete, Kinder. Und kein Aufschrei, keine Entrüstung, keine Trauer, nur Worte und Bibelstunden. Zum Kotzen.


JOSEF: Worüber aufregen? Kommen denn nicht jeden Tag Menschen um im Kampf um irgendeine Sache, und jetzt, da es ein paar mehr sind, sollen wir uns aufregen? Nein, nein, viel wichtiger ist die gedankliche Durchdringung. Man muß verstehen, wo es begonnen hat. Wer den Ursprung kennt, kann etwas ändern, nicht der, der sich nur vom Tagesgeschehen berühren läßt und das für besonders menschlich hält. Menschlich ist alles, menschlich ist auch der Kampf und der Mord. Auch die Rache ist menschlich. Das bedeutet nichts, war immer so und ändert am Lauf der Welt nichts. Das Denken ist es, das weiterführt, das klare Denken und das Streben nach Wahrheit. Nicht das Gefühl, Gefühle kann jeder haben. Aber klares Denken, das können nur wenige.


CHOR:  Dummheit, Dummheit, Dummheit regiert die Welt
Und das Schlimme. Der Mensch lernt nicht dazu.
Dummheit, Dummheit, Dummheit regiert die Welt.
Und das Schlimme. Der Mensch lernt nicht dazu.
Dummheit, Dummheit, Dummheit regiert die Welt.
Und das Schlimme. Der Mensch lernt nicht dazu.


BANKER: (zu Josef) Und Sie glauben, Sie können als Einziger klar denken?


SEBASTIAN: Ja, er ist Philosoph.


BANKER: Das heißt nichts. Philosophen sind Menschen, die nichts wissen, außer daß sie nichts wissen.


JOSEF: Bravo, aber das ist nicht ganz vollständig. Denn sogar das wissen wir nicht ganz genau.


SEBASTIAN: Was?


JOSEF: Daß wir nichts wissen.


SEBASTIAN: Was jetzt? Weißt du was oder weißt du nichts?


JOSEF: Ich glaube, etwas zu wissen.


BANKER: Wie alt sind Sie jetzt? Siebzig? ... Sagen Sie mir das wieder, wenn Sie neunzig sind. Dann glaub ich es Ihnen.


OBER: Mich würde es jetzt schon interessieren, was er zu wissen glaubt.


JOSEF: Nun ja, ich weiß, wie der Frieden im Nahen Osten möglich wird, ja in der ganzen Welt.


BANKER: Das darf ja nicht wahr sein. Die klügsten Köpfe der Welt in den Regierungsetagen und in der Uno zerbrechen sich seit Jahrzehnten den Kopf darüber und ich geh einfach mal um die Ecke zum Essen und treffe ein Genie, das die Lösung hat. Ich bin ein Glückspilz. Ich kann es gar nicht fassen. Welch ein Tag!


SEBASTIAN: Na los, was ist es.


JOSEF: Es geht nur mit kristallklarem Denken und mit der nackten Wahrheit.


Markon (54, Bankdirektor) und Martha (29, seine Sektretärin) treten ein.


OBER: Jetzt hab ich schon gedacht, der wüßte wirklich was.


Markon und Martha stellen sich neben den Banker. Martha wirft Sebastian im Vorübergehen ein Lächeln zu.


BANKER: Herr Markon, auch Feierabend.


MARKON: Wer weiß hier was?


SEBASTIAN: Eben niemand, das ist es ja.


MARTHA: Ist ja klar, hier sitzen ja nur Männer. Ihr müßt eine Frau fragen.


BANKER: Wir sprechen hier über Politik, Martha.


MARTHA: Eben.


JOSEF: Ich sag es nochmal, kristallklares Denken und die nackte Wahrheit.


OBER: (zu Markon und Martha) Was wünschen Sie?


MARKON: Für mich ein Thunfischsandwich und eine große Flasche Mineralwasser.


MARTHA: Einen Cappuccino und ein Croissant.


SEBASTIAN: (zu Josef) Das find ich jetzt langweilig. Wenn du was weißt, dann sag’s endlich.


JOSEF: O.K., aber eines solltest du wissen, bevor ich es sage (Sebastian schaut ihn fragend an) Das, was ich jetzt sage, will keiner wissen.


SEBASTIAN: Doch, ich will es wissen.


JOSEF: Ja, das sagen alle ... vorher. Doch nachher wollen sie nichts davon wissen. Sie haben alle Einwände, tun es mit einem Aber ab und vergessen es ganz schnell. Und du wirst das auch tun, glaub mir.


Der Ober stellt die Getränke auf die Bar.


MARKON: (zum Banker) Worum geht es?


BANKER: Um den Krieg im Libanon und wie man ihn beenden könnte.


MARKON: (laut in den Raum) Wieso beenden, der Krieg hat doch eben erst angefangen. So ein Blödsinn, den Krieg beenden. Ein Krieg beginnt, geht solange er gehen muß und hört auf, wenn er aufhört. Und dieser Krieg hat eben erst begonnen. Ein Krieg, der eben erst begonnen hat, kann doch nicht gleich wieder aufhören. So ein Unsinn. Jeder Krieg hat seine Ursache und seinen Sinn. Und gerade dieser Krieg hat seinen Sinn. Die Terroristen werden gestoppt, bevor sie bei uns vor der Haustür stehen. Wir sollten den Israelis dankbar sein. Es muß doch mal aufgeräumt werden und das Übel bei den Wurzeln gepackt werden. Krieg schafft Sicherheit.


JOSEF: Aha, ein Kriegstreiber, jetzt wird’s interessant.


SEBASTIAN: (Leise zum Ober, der gerade vorbeigeht) Wer ist’n das?


OBER: Der Leiter der Bank da drüben.


SEBASTIAN: Ach so.


MARTHA: Aber Chef, ich hoffe Sie feuern mich nicht gleich, wenn Ihnen widerspreche. Denken Sie nicht an den Schmerz, das Leid und ... die toten Kinder?


MARKON: Ach, es geht doch hier nicht um Kinder, es geht um Politik, um Weltpolitik.


JOSEF: Es geht nur um die Kinder. Wer ein einziges Kind tötet ist ein Mörder. Wer viele Kinder tötet ist ein Massenmörder.


SEBASTIAN: Und die Erwachsenen, was ist mit denen?


JOSEF: Für die gilt natürlich das Gleiche. Doch für Kinder gilt das in besonderem Maße.


Der Ober bringt Salat und Thunfischsandwich.


BANKER: Aber hat der  Krieg nicht seine eigenen Gesetze?


MARKON: Genau. Außerdem kann man einen Krieg nicht verstehen, wenn man auf einzelne Opfer schaut. Man muß den großen Zusammenhang sehen. Israel ist angegriffen worden. Israel hat ein Recht auf Selbstverteidigung. Israel schlägt zurück. Das ist doch natürlich. (Er dreht sich zur Bar und beißt in das Thunfischsandwich)


SEBASTIAN: Das Recht auf Selbstverteidigung. Warum wird das eigentlich bei den Israelis so sehr betont. Jeder hat doch das Recht auf Selbstverteidigung. Hat das denn den Israelis jemand abgesprochen?


OBER: (taucht hinter der Theke auf, wo er gerade etwas verstaut hat) Die Nazis.


Schweigen. Markon hört auf zu Kauen.


SEBASTIAN: Wieso denn das? Warum sollten denn die Araber für die Sünden der Nazis büßen. Da stimmt doch etwas nicht.


MARKON: Auf welcher Seite stehen Sie, junger Mann. Etwa auf der Seite der Araber? Dann wissen Sie offensichtlich nicht, worum es in unserer Zeit geht. ... Der Westen, also wir alle, brauchen Energie. Die Araber haben Öl. Genau dieses Öl müssen wir für unsere Zukunft sichern. Israel ist unser Flugzeugträger im Nahen Osten. Dafür wird da unten gekämpft, daß Sie und Ihre Kinder noch das Licht einschalten können. So einfach ist das. Und unsere Regierungen tun gut daran, wenn sie für uns vorsorgen.


SEBASTIAN: Sie geben also zu, daß dieser Krieg um Öl geführt wird.


MARKON: Ja, unsere ganze Wirtschaft würde ohne Öl kollabieren. In kürzester Zeit würde der Westen zusammenbrechen. Aus, alles vorbei. Kein Geld, keine Arbeit, Bürgerkrieg um das Notwendigste, die Kultur, alles was wir über Jahrhunderte errungen haben, alles dahin.


JOSEF: (laut) Jesus Christus.


Markon macht eine abfällige Handbewegung zu Josef hin, wendet sich zur Bar und ißt weiter. Der Ober, der in den Regalen die Flaschen ordnet, hält inne und sieht Josef über die Schulter an.


BANKER: Wieso jetzt plötzlich Jesus Christus?


JOSEF: Wegen Jesus Christus betonen die Juden ihr Recht auf Selbstverteidigung. Er sagt, halte die andere Wange hin. Das war damals das Neue. Indem die Juden auf dem Recht auf Selbstverteidigung bestehen, bestehen sie auf ihrer alten Religion, auf ihrer Identität. Es handelt sich also um einen Glaubenssatz.


BANKER: Das ist doch Blödsinn. Man kann doch nicht das, was heute geschieht, mit Sachen erklären, die vor 2000 Jahren geschehen sind.


JOSEF: Wieso nicht. Stellen Sie sich doch nur einen Moment lang vor, es wäre so, und Ereignisse, die vor 2000, 3000 ja 4000 Jahren geschehen sind, hätten Einfluß auf unsere Zeit, ohne daß wir es wissen. Stellen Sie sich das einen Moment lang vor. (Er steht auf und geht auf den Banker zu. Er deutet aggressiv mit dem Zeigefinger auf ihn) Sie wären bestimmt nicht derjenige, der diesen Zusammenhang entdecken würde. Und das aus dem einfachen Grund: Weil Sie sich das nicht vorstellen können. Ich frage Sie, wieviel Zeit haben Sie bisher damit verbracht, darüber nachzudenken? (Aufbrausend) Wahrscheinlich nicht eine einzige Minute. ... Mit welchem Recht also bezeichnen Sie etwas als Blödsinn, worüber Sie offensichtlich nichts wissen. Der wirkliche Blödsinn, im eigentlichen Sinne des Wortes, ist doch, eine Aussage abzulehnen, nur weil man sich deren Inhalt nicht vorstellen kann. BLÖDSINN! (die anderen schauen ihn verständnislos an, ruhiger zu Sebastian) Ich hab es dir gesagt. Das, was ich zu sagen habe, will keiner hören. Sie wissen es alle besser.


CHOR:  Dummheit, Dummheit, Dummheit regiert die Welt
Und das Schlimme. Der Mensch lernt nicht dazu.
Dummheit, Dummheit, Dummheit regiert die Welt.
Und das Schlimme. Der Mensch lernt nicht dazu.
Dummheit, Dummheit, Dummheit regiert die Welt.
Und das Schlimme. Der Mensch lernt nicht dazu.


Die Sängerin der Brüderlichkeit erscheint auf der einen Seite der Bühne, singt in langen Obertönen eine ergreifende Melodie ohne Worte (z.B. alle Menschen werden Brüder),  bewegt sich dabei in langsamen, tänzerischen, ausgreifenden Schritten zur anderen Seite der Bühne wie ein Geist und verschwindet wieder hinter den Kulissen. Die anderen Figuren sind, während der Chor spricht und die Sängerin singt, in der jeweiligen Position erstarrt. Nur Josef lauscht.


JOSEF: Habt ihr das gehört? ... Eine Stimme wie ein Trost.


MARKON: Sie brauchen einen Psychiater.


BANKER: Er braucht einen Psychiater.


MARTHA: Haben Sie das ernst gemeint mit dem Öl.


MARKON: Natürlich. Wir sind die Stärkeren. Und damit das so bleibt, brauchen wir Öl. Sie wollen doch auch ihren Job behalten, neue Schuhe kaufen, in einer hell erleuchteten Stadt ausgehen. Ohne Öl, vergessen Sie’s! Sie arbeiten doch lange genug bei unserer Bank, also wissen Sie, Geld muß umgetrieben werden. Und dazu brauchen wir Energie. Stellen Sie sich vor, es gäbe kein Benzin. Damit sind Autos wertlos, die Autoindustrie müßte schließen, kein Transport, damit kein Essen, keine frische Milch und so weiter und so fort.


SEBASTIAN: Also geht es nur um’s Öl.


MARKON: Ja, in erster Linie jedenfalls. Wer Energie hat, hat Geld, und wer Geld hat, hat Macht. Und die Macht brauchen wir, damit uns die anderen nicht auf’s Dach steigen und uns alles wegnehmen. Die würden es nämlich genau so machen, die warten nur darauf, daß wir Schwäche zeigen, aber nein, nein, nein, wir sind schneller. Wir haben die Mittel und wir nutzen sie.


MARTHA: Heißt das, Chef, Sie gehen über Leichen?


MARKON: Ich nicht, dafür haben wir die Soldaten in der Region. Auch wir müssen Soldaten hinschicken, auch wir müssen bluten, wenn es hart auf hart kommt, um die Zukunft zu sichern.


JOSEF: Die Dame hat recht. Wer so denkt wie Sie, geht über Leichen, um den Lichtschalter einzuschalten. Dafür sind Sie bereit zu morden. Das ist die Konsequenz Ihrer Einstellung. Doch was das Licht dann erhellt ist ein Leichenhaufen, der Ihre Fußabdrücke trägt. Saat für neuen Krieg.


MARKON: Sie sind ein Phantast, ein Religionsphantast obendrein. Einer wie Sie kann die reale Welt nicht verstehen und schon gar nicht verbessern.


OBER: Warum soll Josef ein Religionsphantast sein ... nur weil der den Namen Jesus Christus in den Mund genommen hat?


MARKON: Alle Religionsfanatiker sind Phantasten. Sie phantasieren sich etwas zusammen, was mit der realen Welt überhaupt nichts zu tun hat. Unsinn allesamt.


OBER: Jetzt versteigen Sie sich aber, Herr Markon.


JOSEF: Nein, Gustav, ich gebe ihm recht. Sie haben recht, mein Herr ... Markon. Natürlich nicht damit, daß ich Religionsfanatiker bin. Ich bin das Gegenteil. Mit Religion habe ich mich beschäftigt, ja, aber in meiner Eigenschaft als Philosoph. Dabei bin ich zu dem einen Ergebnis gekommen, daß die Religion eine reine Privatsache sein sollte, eine Intimität sozusagen, die niemanden etwas angeht und über die sich niemand ein Urteil erlauben darf. Jeder soll es damit gerade so halten, wie er will. Und es kann einem dann völlig egal sein, was der andere glaubt, so wie es einem egal ist, welchem Fußballklub er anhängt. Der Mensch ist mir recht, so wie er ist. Dann bin ich Mensch unter Menschen. Das verstehe ich unter wirklicher Freiheit der Religion.


MARKON: (zum Ober) Sehen Sie, er ist ein Religionsfanatiker. Er erfindet Regeln wie andere glauben sollen.


JOSEF: Im Gegenteil. Ich bin ein Religionsabwiegler. Wenn Religion eine reine Privatsache ist, dann hebt es alle Regeln auf. Es kann eben jeder selber bestimmen und kein anderer hat das Recht, darüber zu urteilen.


SEBASTIAN: (zu Martha) Religionsgeschichten langweilen mich immer. (Er geht zu Martha an die Bar) Darf ich dir einen Drink spendieren, Martha. (zu Josef) Mit dem Krieg hat das doch alles nichts zu tun.


MARTHA: Gerne. Es ist ja Freitag.


SEBASTIAN: Prosecco?


MARTHA: Prosecco, ja, Prosecco. Schließlich lebt man.


SEBASTIAN:  Due Prosecci, Gustav.


Der Ober nickt und öffnet eine Flasche.


MARTHA: Und eine Schachtel Zigaretten.


ZURÜCK

DR. MED. KARL-HEINZ RAUSCHER

Wir gehören alle zusammen