AUFSTELLUNG - FRIEDEN UND KRIEG

Dokumentation

21. Mai 2016

von
Dr. Karl-Heinz Rauscher

und

Co-Autoren:
(soweit sie namentlich erscheinen wollen)

Anngwyn St. Just, Luis Alberto Martínez Rodríguez,
Marco Aurelio Navarro Ornelas, Marisa Artigas Diaz,
Veronica van Wielink


    Lesen Sie vorher den dazugehörigen Blogeintrag „Frieden“ 



Einführung


Die vorliegende Dokumentation berichtet über eine Systemaufstellung, die im Rahmen eines Workshops von Anngwyn St. Just Ph.D. (Spezialistin für soziales Trauma, USA) und Dr. Karl-Heinz Rauscher (Systemaufsteller, Arzt) während des VIII. Kongresses für systemische Aufstellungsarbeit des Sowelu-Instituts am 21. Mai 2016 in Mexiko-City stattgefunden hat. Der Workshop hatte den Titel „Männer, Frauen und Frieden“.

Nach einigen Arbeiten mit Einzelpersonen hatten Anngwyn und Karl-Heinz die Idee, eine Aufstellung zu machen, die alle Teilnehmer zugleich betreffen würde. Folgende Fragen stellten sich:

Gibt es im systemischen Feld wichtige Informationen für die gesamte Gemeinschaft, um Wege zu mehr Frieden zu finden? Gibt es Informationen über die Beziehung zwischen Krieg und Frieden? Was können wir Menschen tun, um Kriege zu beenden und in unseren Beziehungen und auf der Welt Frieden zu schaffen?


Diese Fragen wurden zu diesem Zeitpunkt in der Gruppe nicht kommuniziert, lagen aber durch das Thema des Workshops in der Luft.

Um die Repräsentanten nicht von Anfang an zu beeinflußen, schlug Karl-Heinz eine verdeckte Aufstellung vor. Nur Karl-Heinz, als Aufstellungsleiter, würde wissen, für wen die Repräsentanten in dieser ersten Phase der Aufstellung standen.

Als Anngwyn zustimmte begann Karl-Heinz die Aufstellung mit 3 verdeckten Positionen:


Position 1 (Frieden),

Position 2 (Der Mann, gemeint war der archaischer Mann)

Position 3 (Die Frau, gemeint war die archaische Frau)


Die Systempositionen sind in der Dokumentation fettgedruckt, um das Lesen des Textes zu erleichtern.



Dokumentation


Zu Beginn standen die drei Postionen getrennt von einander wie die Ecken eines Dreiecks. Der Mann fühlte sich von der Frau und vom Frieden zurückgewiesen. Verglichen mit dem Frieden fühlt sich der Mann unbedeutend (außerhalb des Rampenlichts).

Anfangs fühlte sich der Frieden dem Mann und der Frau gegenüber in Verwirrung. Dann interessierte sich der Frieden für den Mann. Der Frieden empfand sich als Teil des Mannes. Zu selben Zeit fühlte sich der Frieden von der Frau zurückgewiesen. Der Frieden näherte sich dem Mann und versuchte ihn zu erreichen, um ihn zu beschützen wie ein Vater.

Die Frau mischte sich ein, bewegte sich in den Raum zwischen dem Frieden und dem Mann und drückte den Frieden energetisch weg. Der Frieden fühlte, daß die Frau ihren Besitzanspruch über den Mann verteidigte. Sie war wie eine Mutter, die ihr Kind eifersüchtig vor dem Vater schützt.

Als der Frieden sah, daß der Mann und die Frau kein Interesse an seiner Anwesenheit hatten, fühlte der Frieden die Notwendigkeit sich zurückzuziehen, konnte aber nicht weit weggehen, weil er sich noch um den Mann Sorgen machte.

Der Frieden und die Frau sagten beide, daß sie den Mann beschützen wollten, der Frieden, indem er sich dem Mann näherte, die Frau, indem sie den Frieden vom Mann weghielt. Dadurch fühlte sich der Mann wertlos. Er mochte diese Situation nicht.

Mann und Frau hatten keinen direkten Kontakt.


Die Bewegungen in der Aufstellung kamen an dieser Stelle zum Stillstand. Für mich (Karl-Heinz) als Aufstellungsleiter war es offensichtlich, daß sich keine weitere Bewegung und kein weiteres Verständnis einstellen würde, wenn wir lediglich auf diese drei Positionen schauten. Es gab noch mindestens eine fehlende Position. Ich hatte zwar eine Idee, worum es sich bei der Vierten Position handeln könnte, legte diese Idee aber zunächst zur Seite und stellte eine Vierte Position auf, ohne sie innerlich zu benennen.

Sobald die Vierte Position aufgestellt war, interessierte sich die Frau daran. Sie sagte, daß ihr die Vierte Position gefiel. Die Frau ging zur Vierten Position und bewunderte ihre Kleidung, ließ den Stoff durch ihre Finger gleiten. Der Mann zeigte keine Reaktion.

Bei dieser Szene gewann ich als der Leiter der Aufstellung den Eindruck, daß die Vierte Position der Krieg sein könnte. Bis zu diesem Zeitpunkt wußte niemand außer mir, wen die Repräsentanten darstellten. Deshalb stellte ich eine fünfte Position für den Krieg auf (immer noch verdeckt). Die nicht definierte Vierte Position und der Krieg fühlten sich sofort voneinander angezogen. Bald standen sie sehr nahe Seite bei Seite. Nach einer Weile sagten beide, daß sie eine Tendenz fühlten zu verschmelzen, (was immer ein Zeichen ist, daß zwei Systempositionen in Wahrheit eine einzige sind). Der Krieg sagte, daß er eine Liebe für alle und alles verspüre.


An diesem Punkt öffnete ich die Aufstellung und enthüllte, wer die Positionen waren. Ich sagte der Repräsentantin der Vierten Position, daß sie sich setzen und aus der Rolle rausgehen könnte, weil jetzt klar war, daß die Vierte Position für den Krieg stand und daß der Krieg nun mit einer anderen Repräsentantin besetzt war. Sie setzte sich.

Die Repräsentantin des Krieges sagte, daß sich ihre Empfindungen verändert hatten, seit sie wußte, daß sie für den Krieg stand. Zuvor, als die Aufstellung noch verdeckt gewesen war, habe sie sich wohl gefühlt und sei voller Liebe für alle gewesen. Aber jetzt fühlte sie sich unwohl und schlecht. Für mich war klar, daß ihr ihre Vorstellungen im Wege standen, die Informationen des Systemfeldes weiterhin ungestört zu empfangen.

Deshalb fragte ich die Repräsentantin des Krieges, ob sie sich den Dienst als Repräsentantin noch zutraute, oder ob sie es vorzöge, wenn jemand anderes die Position übernehmen würde. Sie sagte, sie zöge es vor, daß jemand anderes für die Rolle des Krieges stünde. Sie trat aus der Rolle heraus und setzte sich. Eine andere Teilnehmerin des Workshops meldete sich freiwillig und übernahm die Rolle des Krieges.

Nach diesem Austausch der Repräsentantin näherte sich die Frau wieder dem Krieg. Als der Mann die Frau und den Krieg wieder so nahe beisammen sah, bekam er den Eindruck, daß die Frau für die Probleme verantwortlich war. Er wollte Augenkontakt mit dem Krieg aufnehmen. Deshalb näherte er sich der Frau und dem Krieg. Die Frau versuchte, den Augenkontakt zwischen dem Mann und dem Krieg zu unterbinden. Das brachte den Mann auf. Er wollte den Augenkontakt zum Krieg jetzt noch mehr halten.

Der Frieden fühlte das Bedürfnis, sich dem Mann zu nähern und ihn vor der Frau und dem Krieg zu beschützen, mußte aber warten, bis der Mann seine Hilfe erbeten würde. Doch der Mann erbat diese Hilfe nicht. Wenig später fühlte der Mann eine gewisse Rivalität dem Frieden gegenüber aufkommen, ging deshalb zum Frieden hin, um ihn zu konfrontieren. Der Mann und der Frieden standen sich jetzt gegenüber. Vor dem Frieden stehend fühlte sich der Mann wach, stabil und voller Energie. Er entwickelte ein gutes Gefühl dem Frieden gegenüber, fühlte sich aber unvollständig. Er stimmte mit dem Frieden nicht vollständig überein.

In dieser Situation fühlte sich der Frieden wie ein Bodyguard, der eine Pistole in der Hand hielt. Er war sicher, daß die Spiele zwischen der Frau und dem Krieg ihre Sache waren, solange sie sich vom Mann fernhielten. Der Frieden fühlte sich gestresst, als sich die beiden näher zum Mann hin bewegten. Aber als der Mann begann, selbst in Richtung der Frau und des Krieges gehen, fühlte sich der Frieden nutzlos.

Als der Mann, die Frau und der Krieg zusammentraten, fühlte der Frieden den Impuls, sich zu bewegen, und begann, die drei anderen in enger Runde zu umkreisen. Der Frieden fragte sich: „Warum machen sie das? Woher kommt dieser Drang nach Konflikt? Das Leben ist großartig. Es gibt so viele schöne Dinge im Leben. Warum sind sie so stur und bleiben in dieser Art von Beziehung stecken?“


An diesem Punkt hatte ich den Eindruck, daß die Aufstellung tatsächlich archaisch wurde und daß sie uns alle anging. Ich lud die gesamte Gruppe (circa 50 Leute) ein, an der Aufstellung teilzunehmen. Jeder, der wollte, könnte aufstehen, in eine persönliche oder archaische Rolle gehen und sich frei bewegen, falls sich aus ihrer Position ein Bewegungsimpuls ergeben sollte. Ich sagte, daß sie nicht wissen müssten, welche Position sie bekleideten, sie sollten einfach dem systemischen Feld vertrauen.

Nach und nach standen beinahe alle Gruppenteilnehmer auf. Viele fühlten sich zum Zentrum hingezogen. Sie formten konzentrische Kreise um das Zentrum. Es stellte sich der Eindruck ein, daß sie eine archaische Gemeinschaft oder Stamm darstellten.


Als all die Menschen kamen, blieb der Frieden auf seiner Kreisbahn um den Mann, die Frau und den Frieden stehen. Er fühlte die vielen Leute, die zu ihm kamen, ja nach Frieden suchten. Das löste Freude in ihm aus. Nach einer kleinen Weile löste sich der Frieden aus seiner Position und ging langsam in Richtung des Krieges.

Der Krieg fühlte eine Schwere und eine tiefe Wunde genau in seinem Zentrum. Dabei handelte es ich um eine tiefe Empfindung. Am Anfang war es für den Krieg sehr schwer, Augenkontakt mit dem Frieden aufzunehmen, den er als Partner empfand.

Je näher der Frieden dem Krieg kam, desto mehr nahmen sich Mann und Frau wahr. Bald waren sie sich ganz nahe und schauten sich direkt an.

Als der Mann der Frau nahe war und sie anschaute, fühlte er eine Reihe von Gefühlen und Gesten. Anfangs Zurückweisung, Ärger, Rivalität und den Drang, mit ihr etwas Neues und Anderes zu versuchen. Die andauernde Rivalität mit der Frau ließen beim Mann den Wunsch aufkommen, der Frau näher zu kommen. Er trat noch einen Schritt auf sie zu. Er bekam den Eindruck, daß die Frau ihn verführen wollte. Als die Frau auch einen weiteren Schritt auf ihn zuging, begann seine Abwehr und sein Ärger schwächer zu werden. Der Mann wollte wissen, was die Frau tun würde, wenn er noch näher zu ihr hinginge. Er bekam das Gefühl, daß er das, was die Frau ihm geben konnte, vielleicht nicht mögen könnte. Aber er war sicher, daß sie bis zum Ende dieses Annäherungsprozesses gehen wollte.

Sie kamen sich wirklich nahe. Für den Mann war es schön und fabelhaft zu fühlen, wie die Frau ihn streichelte, es war wundervoll für ihn, die Verbindung zu spüren, und sich von der Frau nicht mehr bedroht und verführt zu fühlen.

Der Frieden bewegte sich jetzt ein wenig vom Krieg weg und stand bald sehr nahe bei Mann und der Frau, halb zwischen ihnen.


In dieser Situation verstand ich, daß wir Zeugen einer archaischen Bewegung waren und daß es kein Sinn machte, diese Bewegung als Aufstellungsleiter führen zu wollen. Ich sagte, daß ich mich aus der Pflicht des Aufstellungsleiters entlassen würde, und daß ich ab jetzt in der Aufstellung als Teilnehmer teilnehmen würde wie alle anderen auch. Ich sagte: „Von jetzt an sind es nur wir.“

An diesem Punkt stand Anngwyn auf, blieb am Rand der Aufstellungsfeldes und hielt den energetischen Rahmen für uns alle. Dabei klopfte sie mit dem Finger rhythmisch auf das Mikrophon. Es hörte sich an wie ein Herzschlag.


Als ich meine Rolle als Aufstellungsleiter aufgab, trat ich in eine bis dahin nicht definierte Systemrolle und bewegte mich mit vielen anderen langsam Richtung Zentrum. Wir hielten uns alle bei den Händen und bewegten uns in konzentrischen Kreisen hin zum Zentrum. Zwei, drei Leute befanden sich in Systemrollen, die sich offensichtlich an dieser allgemeinen Bewegung nicht beteiligen wollten. Sie bewegten sich, isoliert von allen anderen, vom Zentrum weg.

Der Frieden stand noch ganz nahe bei Mann und Frau. Der Krieg war nur einen oder zwei Schritte entfernt.

Nach einer Weile näherte sich der Krieg dem Bereich, in dem der Frieden, der Mann und die Frau zusammenstanden. Plötzlich sah der Frieden das Gesicht des Krieges. Das Gesicht des Krieges sah für den Frieden so lächerlich aus. Der Frieden fragte sich:

„Warum? Warum wollen sie leiden? Warum ist das notwendig?“

Mit diesem Gedanken fing der Frieden an, laut zu lachen und erfreute sich an diesem Lachen. Als andere auch zu lachen begannen, fühlte sich der Frieden glücklich, weil sie verstanden, wie wichtig es war, glücklich zu sein, wie wichtig es war, über den Krieg zu lachen. Der Krieg war nicht dieser Meinung und fühlte, wie ihm die Kontrolle entglitt.

In dem plötzlichen Ausbruch des lauten Gelächters des Friedens lag Erleichterung und ein Anflug von Wahnsinn. Auch ich als der Repräsentant von jemand noch Unbekanntem begann ebenfalls, laut zu lachen. Einige andere lachten auch. Es gab mehrere Wellen dieses Lachens. Jede Welle begann beim Frieden, der über den Krieg lachte, weil er es so lächerlich fand, den Krieg und den Kampf so ernst zu nehmen.


Der Mann fand, daß der Frieden in einer skandalösen Weise lachte, und wurde dabei zunehmend unruhig. Der Mann schämte sich sehr, fühlte sich erneut zurückgewiesen und bedeutungslos. Er hatte gut Lust, den Frieden aggressiv zum Schweigen zu bringen.

Nach einer Weile beruhigte sich der Frieden und auch alle anderen.


In diesem Moment wollte der Krieg den Frieden umarmen, um ihm mitzuteilen, wie er sich fühlte. Obwohl der Krieg spürte, daß der Frieden ihn nicht umarmen wollte, umarmte er ihn trotzdem. Der Frieden fühlt sich dabei in Frieden. Nach einer Weile lösten sie sich voneinander. Jetzt da der Frieden das Gesicht des Krieges aus der Nähe sah, spürte er den Impuls, dem Krieg wegen seiner Stärke Achtung entgegenzubringen. Dazu verneigte sich der Frieden tief vor dem Krieg. Der Krieg legte seine Hand auf den Kopf des Friedens, den Hinterkopf und den Nacken. Mit dieser Geste wollte der Krieg seinen Schmerz und sein Leid an den Frieden weitergeben. Von meiner Perspektive schien es eine Art von Segen zu sein. Aber der Frieden spürte, daß der Krieg versuchte, ihn zu unterwerfen und zu kontrollieren.

Zunächst dachte der Frieden: „Wenn der Krieg das braucht, soll es mir recht sein.“ Aber nach einer kleinen Weile dachte er: „Das genügt jetzt. Es ist Zeit, diese Phantasie zu beenden. Der Frieden ist nicht der Diener des Krieges.“ Deshalb drückte der Frieden den Kopf gegen den Widerstand des Krieges nach oben, richtete sich zu seiner vollen Größe auf und stand aufrecht und stark.


In diesem Moment änderte sich für den Krieg alles. Er begann, sich aus allem und jedem zurückzuziehen. Im Inneren fühlte er ein schreckliches Vakuum. Er spürte, daß ihn seine Stärke verließ, daß er sich auflöste, bis er das Licht verlor, das ihm den Weg gewiesen hatte. Die große Leere im Inneren des Krieges nahm noch weiter zu. Er wollte so weit wie möglich fort. Gleich darauf begann der Krieg, sich zurückzuziehen. Die Menschen öffneten die konzentrischen Kreise der Gemeinschaft (oder des Stammes), um den Krieg weggehen zu lassen.

Für den Frieden war es wunderschön, all die Menschen um sich zu fühlen, die sich offenbar in Resonanz mit ihm befanden. Aber der Frieden konnte seinen Blick nicht vom Krieg abwenden, der sich gerade Schritt für Schritt entfernte und sich dabei immer wieder zum Zentrum der Gemeinschaft umwandte, während sich die Kreise der Menschen hinter ihm wieder um das Zentrum schlossen, das der Mann, die Frau und der Frieden bildete.

Der Krieg zog sich in eine entfernte Ecke zurück und kehrte nun allen den Rücken, um sich nicht aufzulösen. Trotzdem fühlte der Krieg eine verbindende Energie zu den einzelnen Menschen, die die Gemeinschaft anfangs verlassen hatten, und denen es nicht gefallen hatte, daß die anderen eine Gemeinschaft oder einen Stamm um den Mann und die Frau geformt hatten. Der Krieg fühlte, daß diese Menschen litten, konnte aber nichts tun.

In der Ecke stehend, fühlte der Krieg jetzt ein großes, mächtiges Licht in allen Menschen im Zentrum. Dieses Licht blendete den ihn. Er vermochte kaum mehr zu stehen.

Ein wenig später sah der Krieg auf den Boden zu den Toten und erkannte, was der Krieg wirklich ist. Die Toten erwiderten den Blick des Krieges. Als der Krieg direkt in die stechenden Augen der Toten auf dem Boden sah, fühlte er sich erleuchtet.


Als sich der Krieg entfernte, begann der Mann eine Leere zu fühlen. Er fühlte Trauer und ein klein wenig Verzweiflung. Er konnte den Krieg nicht so einfach ziehen lassen. Der Krieg war lange Zeit ein Teil des Mannes gewesen. Der Mann fühlte das Bedürfnis, diese Leere zu füllen, indem er sich von der Frau trennte und begann, dem Krieg nachzugehen. Er fühlte, daß er einen andere Art der Trennung vom Krieg brauchte, vielleicht indem er ihm Lebewohl sagte.

Der Frieden fühlte das Bedürfnis, die Hand der Frau zu nehmen und sie dazu zu bringen, den Mann zu besänftigen. Dabei ließ er den Krieg aber nicht aus den Augen. Der Frieden dachte: „Wir dürfen den Krieg nicht vergessen, wenn wir keine häßliche Überraschung wollen.“

Als der Mann begann, in Richtung des weit entfernten Krieges zu gehen, wurde er von den konzentrischen Kreisen der Menschen, die in seinem Weg standen, zurückgehalten. Die Kreise zogen sich zusammen in dem Versuch, den Mann davon abzuhalten, dem Krieg zu folgen.

Der Mann kam direkt vor mir zum Stehen, vielleicht nur 40 cm entfernt, während ich von den Menschen auf beiden Seiten bei den Händen gehalten wurde. Der Mann sah mich nicht. Er sah nur den Krieg. Offensichtlich war er in einer Art Trancezustand. Sein Blick ging an mir vorbei zum Krieg, der weit weg in einer Ecke des großen Raumes stand. Ich versuchte, die Aufmerksamkeit des Mannes auf mich zu ziehen, aber ich wußte, das es nicht gelingen würde. Er würde mich einfach nicht sehen. Er war bereits abwesend, nicht mehr hier.


Zu diesem Zeitpunkt stellte sich bei mir das Gefühl ein, daß ich die Rolle eines archaischen Großvaters für den jungen Mann repräsentierte. Der Großvater berührte die Schultern des jungen Mannes, um seine Aufmerksamkeit zu erregen und ihn davon abzuhalten wegzugehen. Aber der Großvater wußte, daß das alleine auch nichts helfen würde. Ein Mensch war nicht genug, um den Mann zurückzuhalten.

Der Mann ärgerte sich, weil er zurückgehalten wurde. Er fühlte sich beherrscht und frustriert. Der Großvater stand in seinem Weg. Der junge Mann wollte den Großvater konfrontieren und eine Erklärung fordern. Warum sollte er etwas, das ein so wichtiger Teil von ihm gewesen war, auf so drastische Weise aufgeben.

Mehrere Frauen traten an den Mann heran und berührten ihn an den Armen, den Schultern und der Brust. Die Augen des jungen Mannes wurden ein bißchen weicher. Aber er war noch immer auf den Krieg fixiert. Der Großvater berührte sanft die Wangen des jungen Mannes und streichelte ihn. Drei, vier Menschen, meistens Frauen streichelten den jungen Mann gleichzeitig. Der Großvater konnte den kleinen Jungen in dem Mann fühlen und sehen. Er war dadurch so berührt, daß er zu weinen begann. Viele der umstehenden Leute brachen ebenfalls in Tränen aus.

Die Augen des jungen Mannes wurden feucht. Aber er konnte den Großvater und die anderen immer noch nicht sehen. Immer noch starrte er auf den Krieg. Eine der Frauen öffnete langsam den Reißverschluß der Jacke des jungen Mannes. Andere Frauen halfen, seine Jacke ganz langsam auszuziehen. Es war eine dunkelblaue Steppjacke. Alle Umstehenden gewannen den Eindruck, daß es eine Kampfuniform war. Der junge Mann ließ das geschehen. Ohne den Kampfanzug wurde er weicher, war kein Soldat mehr, mehr ein normaler Mann. Aber er sah den Großvater immer noch nicht. Es war noch nicht vorbei.


Als der Mann aufgehalten wurde, fühlte er sich, als habe er gegen all den Leuten um ihn herum und gegen die Tränen des Großvaters verloren. Der Mann hatte keine Wahl, als die Situation anzunehmen: Er war am Leben und konnte das nicht ändern. Er konnte auch nicht verhindern, daß der Krieg wegging.

Aber immer wieder suchten seine Augen den Krieg. Der Großvater wußte, daß der Einsatz der Frauen nicht ausreichte, den jungen Mann zurückzuhalten. Er mußte von einem Mann gehalten werden. Der Großvater trat zu ihm, umarmte ihn und zog seinen Kopf sanft auf seine alte Schulter. Jetzt endlich begann der junge Mann zu weinen. Nach einer Weile trat er zurück und schaute auf all die Leute. Jetzt sah er den Großvater und all die anderen Menschen. Tief im Inneren wußte der junge Mann, daß ein Gewinn in der Grenze lag, die die Gemeinschaft und der Großvater zogen: Die ruhige, friedvolle Verbindung zur Frau.

Plötzlich lagen Worte in der Luft: „Willkommen zu Hause!“

Der Großvater sprach es laut aus: „Willkommen zu Hause!“

Viele Menschen der Gemeinschaft wiederholten diese  Worte in Spanisch wie ein Mantra: „Willkommen zu Hause! Willkommen zu Hause …“

Der Mann schaute sie alle an.

Schließlich trat ein Lächeln auf sein Gesicht.

Ich hatte das Gefühl: Jetzt ist es getan.


Als der Frieden fühlte, daß die Gemeinschaft (der Stamm) fähig war, den Mann zurückzuhalten, ging er hinüber zum Krieg. Der Frieden fühlte die Notwendigkeit, den Krieg irgendwie zu kontrollieren, damit er nicht explodierte. Als der Frieden den Krieg in der Ecke erreichte, versuchte er, die Hände des Krieges zu nehmen, aber der Krieg zog seine Hände zurück. Nun standen Krieg und Frieden Seite an Seite, schauten aber in entgegengesetzte Richtungen. Der Frieden sah zum Zentrum, der Krieg nach außen.

Dann schaute der Krieg wieder auf die Toten auf der Erde. Dabei fühlte er, wie er sich langsam auflöste. Schließlich ließ er ganz los.


Der Frieden schaute immer noch auf die Menschen im Zentrum der Gemeinschaft. Der Frieden dachte: „Jetzt können sie ihre eigenen Angelegenheiten als erwachsene Menschen regeln. Sie brauchen uns nicht mehr. Aber wir dürfen den Krieg nicht vergessen. Wir dürfen den Krieg nie aus den Augen lassen, um Überraschungen zu vermeiden.


Ich schlüpfte wieder in die Rolle des Leiters und beendete die Aufstellung.


Ende der Dokumentation.



Kommentare der TeilnehmerInnen (Auswahl)


Nach dieser Aufstellung erzählten oder schrieben viele TeilnehmerInnen Anngwyn und Karl-Heinz über die persönlichen Auswirkungen ihrer Erfahrungen in dieser Aufstellung.


Teilnehmerin (Psychotherapeutin mit mehreren ethnischen Wurzeln):

Der Satz des Friedens „Ich muß den Mann vor der Frau schützen“ erschütterte meinen Körper. Ich fühlte einen tiefen Schmerz in meiner Seele. Es war sehr schmerzvoll, meine eigene Gewalttätigkeit zuzugeben, die Gewaltttätigkeit, die viele Jahre vor meiner Existenz entstand, als prä-kolumbianische Amerikaner ihre Frauen und Kinder nicht beschützen konnten. Die Gewalttätigkeit, mit der Frauen Männer ausschließen mußten, um für sich selbst zu sorgen.

Während der Aufstellung fragte ich mich die ganze Zeit. Wo haben wir uns als Menschen verloren? Wo haben wir die Verbindung miteinander aufgegeben?

Die Aussage des Krieges (noch verdeckt) „Ich fühle eine tiefe Liebe zu allen“ schockte mich. Ich dachte nichts, ich fühlte nichts, ich bewegte mich nicht.

Als die gesamte Gruppe eingeladen war, an der Aufstellung teilzunehmen, reagierte mein Körper auf die Verantwortung meines Seins in dieser Welt. Ich stand auf und sah, daß einige von uns dasselbe taten. Immer noch verbunden mit meinem eigenen Impuls bewegte ich mich in Richtung des „liebenden“ Krieges. Ich kam diesem Bereich näher und näher. Irgendwann standen wir uns von Gesicht zu Gesicht gegenüber, jeder in seiner eigenen Realität, aber zusammen, als eine verletzte Menschheit. Jetzt war es ein wohl bekanntes kollektives Chaos.


Teilnehmerin:

Eine tiefe Ruhe war spürbar, als wir alle eingeladen wurden, an der Aufstellung teilzunehmen.

Als der Großvater zu dem jungen Mann sagte: „Willkommen zu Hause!“ ließ die Spannung nach. Wir umarmten uns alle und begannen zu lachen.

Ich verließ den Raum mit dem Gefühl, unwissentlich an einem heiligen Ritual teilgenommen zu haben. Am Ende hatten wir unser wahres Seins erweckt. Frieden und Krieg hörten auf, sich gegenüber zu stehen.

Was habe ich von dieser Aufstellung profitiert?

Die archaische Erinnerung an die Essenz des Menschseins. Ich verstand: Frieden ist Liebe.

Ich werde die Erinnerung daran auch in Zeiten der Verwirrung behalten. Im Feld der kollektiven Erinnerung zeigte diese Aufstellung die heilige Begegnung mit dem Sein. Es wurde mit aller Kraft der Liebe in einem „Wir“ enthüllt.


Teilnehmerin (Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin, Familientherapeutin):

Zwei großherzige Therapeuten, voller Erfahrung, Professionalität und Zuneigung erzeugten eine berührende Erfahrung mit einem hohen Grad an Hoffnung. Sie eröffneten eine reale Möglichkeit, bestehende Kriege zu beenden und Frieden zurückzubringen.


Teilnehmerin:

Für mich war es wundervoll, an diesem Workshop teilzunehmen. Wir haben keine Waffen, aber Werkzeuge, um Konflikte zu lösen. Statt Krieg haben wir jetzt Frieden in der Beziehung zwischen Frauen und Männern.


Teilnehmer:

Krieg zog sich vom Frieden zurück und alles schien seinen Platz einzunehmen. Ich war überrascht, daß ich Seite and Seite mit dem Frieden und vielen der anderen Teilnehmer zu stehen kam. Meine Schwägerin stand stand auf der anderen Seite des Raums. In einem Augenblick nahm  alles seinen Platz ein wie in einem Mikrokosmos.

Ich kann nur sagen, daß diese Erfahrung etwas wirklich Wunderschönes war und eine großartige Lernerfahrung.
        

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DR. MED. KARL-HEINZ RAUSCHER

Wir gehören alle zusammen